Chorgeschichte

Ein Streifzug durch die Geschichte des Chores

Die Anfänge

Nach Aufhebung der Sozialistengesetze, mit denen die Konservativen um Bismarck das Deutsche Reich seit 1878 vor “sozialdemokratischen Umtrieben” bewahren wollten, gründen sich 1890 gleich zwei Gesangsvereine in Bielefeld – der Tischlergesangsverein “Frisch Auf” und der Männergesangsverein “Morgenrot”. 1893 gesellt sich der Männergesangsverein “Kornblume” dazu. Aber die Aufhebung der Sozialistengesetze bedeutet nicht Verabschiedung von politischer Überwachung. So war es z.B. nur möglich, dass seinerzeit bei einem Bundessängerfest, das in Bielefeld stattfand, der Festumzug mit gesenkten Fahnen stattfand – es hätte ja auch eine rote Fahne dabei sein können. 1902 vereinigten sich Morgenrot und Kornblume zur “Arbeiter-Sängervereinigung Bielefeld”. Ein Jahr später gründete sich der erste “Frauenchor Bielefeld”. 1909 gab es den nächsten Zusammenschluss: Die Tischler vereinigen sich mit den Arbeitern zur “Arbeiter-Sängervereinigung Frisch Auf’ Bielefeld”. Die Fusionen wurden einerseits aus Geldmangel vollzogen, andererseits ging es um den Bierpreis. Die Wirte der Vereinslokale waren der Meinung, die Mitglieder würden zu wenig Bier trinken, also setzten die Preise höher. Das wiederum behagte den Sängern nicht. Also fusionierten sie 1909 und suchten sich ein neues Vereinslokal, in dem gewissermaßen sie den Preis bestimmen konnten. Immerhin hatte dann die Arbeiter-Sängervereinigung ‘Frisch Auf’ Bielefeld 85 Mitglieder, von denen 64 aktiv sangen. Als die Geldnot wieder einmal ganz groß war, wurde die Fahne des Gründungsmitgliedes Frisch Auf an den Gemischten Chor Bielefeld verkauft. Das Damoklesschwert politischer Überwachung schwebte immer wieder über allen Vereinen. Also beschloss man, sich Statuten allgemeinerer Natur zu geben.

Der 1. Weltkrieg

Die Mobilmachung für den 1. Weltkrieg reißt eine große Lücke in den Verein. 49 Chormitglieder werden eingezogen. Statt zu proben wird an diesen Abenden diskutiert. Erste Gedanken über die Aufnahme von Frauen in den Chor werden geäußert. Doch es bleibt vorerst bei solchen Gedankenspielen. Erst 1924 schließen sich die Arbeiter-Sängervereinigung ‘Frisch Auf’ Bielefeld und der Frauenchor Bielefeld zum Volkschor Bielefeld mit insgesamt 205 Mitgliedern zusammen. Der Zusammenbruch der Monarchie bringt neuen Schwung in die Chorbewegung, denn bürgerliche Chorleiter, Lehrer und Musiker interessieren sich nun für die bislang verpönte andere politische Seite. Das Repertoire verändert sich ebenso wie das Selbstverständnis. Man sah sich als Gegenstück zum bürgerlichen Musikverein und verlangte höhere städtische Zuschüsse. Als der verdienstvolle Dirigent Wilhelm Schulz, der seit 1912 den Chor leitete, 1925 überraschend starb, übernahm ohne viel Federlesens Wilhelm Lamping, seit vielen Jahren in städtischen Diensten und Leiter des Musikvereins, die Aufgabe, die von Schulz begonnene Einstudierung der “Schöpfung” von Haydn zu einem guten Ende zu bringen. Er vertrat sogar gegenüber der Stadt die Forderung, dass der Volkschor jegliche Unterstützung verdiene, “weil er mit aller Kraft und Hingabe bestrebt ist, in Kreisen, die nicht in der Lage sind, Konzerte zu besuchen, gute Musik in bester Form zu vermitteln.” Ende des Jahres fand man einen geeigneten Nachfolger. Nach einem Probedirigat unter Aufsicht von Wilhelm Lamping wurde Ernst Püttbach die Leitung des Volkschores angetragen. Eine kluge Entscheidung, denn Ernst Püttbach blieb dem Chor bis zu seinem Tod im Januar 1974 erhalten. In diesen fast 50 Jahren – unterbrochen wurde seine Tätigkeit einzig durch einen Kriegseinsatz ab 1942 – dirigierte er 148 Konzerte! So war es ihm auch überlassen, das erste Konzert des Volkschores – Max Bruch: Odysseus – in der Oetkerhalle am 13.12.1930 zu dirigieren. Das 40-jährige Jubiläum des Chores wurde am 30. März 1930 im Festsaal des “Rütli” mit Kampf- und Freiheitsliedern gefeiert. Die Festrede hielt der damalige Reichsinnenminister Carl Severing. Püttbach gründete auch gewissermaßen eine Frühform der von Horst Henke 1991 gebildeten “Bielefelder Singschul'”, nämlich den “Kinderchor Bielefeld”, Abt. Volkschor Bielefeld. 170 Kinder schlossen sich dem Chor an!

Die 30er Jahre

Die zunehmende Verschlechterung der Konjunktur machte auch vor dem Chor nicht halt. So konnten Konzertprogramme nur als hektografierte Seiten ausgegeben werden. Anfang 1933 waren etwa 2/3 der Mitglieder arbeitslos. Die Gleichschaltung des Chores 1933 hatte zur Folge, dass er immer wieder in seiner Arbeit behindert wurde. So stellte die Gestapo im Zuge einer Überprüfung der Chormitglieder fest, dass ein Großteil der Mitglieder vor 1933 der SPD oder dem Reichsbanner angehört haben. Eine Berücksichtigung irgendwelcher Wünsche des Chores war damit ausgeschlossen. Dementsprechend fanden nur wenige Konzerte statt. Im September 1944 musste der Chor wie auch alle anderen Kultureinrichtungen der Stadt seine Aktivitäten ganz einstellen.

Das erste Konzert nach dem Krieg

Sein erstes Konzert nach dem Krieg unter dem zurückgekehrten Ernst Püttbach fand im Januar 1946 statt. Nachdem die Nazis dem Chor das Städtische Orchester verweigert hatten, galt eine neue Hierarchie in der Stadt. Der Städtische Musikdirektor Hoffmann verweigerte dem Volkschor ebenso wie der Kulturausschuss das Städtische Orchester für eine Aufführung von Beethovens 9. Sinfonie. Erst der Einsatz des SPD-Landtagsabgeordneten Emil Groß verhalf dem Antrag zur Erfüllung. Dennoch oder trotzdem wurde noch 1947 ein Vertrag mit der Stadt geschlossen, der dem Chor die freie Nutzung der Oetkerhalle sowie die kostenlose Mitwirkung des Städtischen Orchesters garantiert. Bis heute. Als Ernst Püttbach schon Ende 1946 auch den Musikverein Oelde übernahm, eröffneten sich neue und große Möglichkeiten. Dank der großzügigen Unterstützung des Oelder Unternehmers Rudolf Haver gab es von 1954 bis 1989 Chorkonzerte jeweils in Oelde und Bielefeld sowohl mit den Bielefelder Philharmonikern als auch mit der Nordwestdeutschen Philharmonie. Die unermüdliche Arbeit Ernst Püttbachs trug Früchte: 1953 wurde aus dem Volkschor Bielefeld der “Volkschor der Stadt Bielefeld”. Der Ruhm des Chores wurde gesteigert anlässlich des Bundessängerfestes 1959 in Berlin. Ein Jahr zuvor hatte Ernst Püttbach das Oratorium “Le Laudi” von Hermann Suter aufgeführt und soviel Aufmerksamkeit erregt, dass er mit diesem Werk nach Berlin eingeladen wurde. Und so fand am 5. September 1959 im Konzertsaal der Berliner Hochschule für Musik eine denkwürdige Aufführung statt: Unter der Stabführung von Ernst Püttbach sangen und musizierten der Volkschor der Stadt Bielefeld, der Volkschor Ost Bielefeld, der Musikverein Oelde, die Berliner Sängerknaben und die Berliner Symphoniker. Mit dem plötzlichen Tod Ernst Püttbachs entstand die gleiche Situation wie bei seinem Vorgänger. Es musste relativ schnell ein Nachfolger gefunden werden. Übergangsweise hatte Generalmusikdirektor Schmöhe den Chor geleitet. Der Nachfolger Engelbert Buhr, der mit dem Chor am Festkonzert des Bielefelder Theaters zum 75. Geburtstag teilnahm – es gab Mahlers 8. Sinfonie, die Sinfonie der 1000 – hatte sich verstärkt mit einem Kulturwandel auseinanderzusetzen, den schon Ernst Püttbach zu spüren bekommen hatte. Mit zunehmendem Wohlstand schwand in der Bevölkerung die Identifikation mit den ehemals typischen Arbeiterleitbildern. Damit einher ging die nachlassende Attraktion kultureller Arbeitertraditionen. Der Volkschor beschloss daher 1978 die Umbenennung in “Oratorienchor der Stadt Bielefeld e.V.”

Unverdrossen wurde weiter musiziert, aber spürbar war ein Nachlassen der Kräfte. Das war an der sinkenden Mitgliederzahl zu erkennen. Nach 15 Jahren gab Engelbert Buhr den Chor 1989 ab.

Krise und Neubeginn

Sein Nachfolger Horst Henke, Erster Kapellmeister an den Bühnen der Stadt Bielefeld, übernahm den Chor in dieser Situation und fand ein Rezept gegen die Krise. Neben einer effizienten Mitgliederwerbung wirkten vor allem künstlerisch gestaltete Plakate sowie Programmhefte für die aktuellen Konzerte für ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Des Weiteren öffnete sich der Chor Werken der Gegenwart. Doch das größte Pfund dürfte die Eröffnung der schon erwähnten “Bielefelder Singschul'” gewesen sein. Diese “Nachwuchsabteilung” des Chores verstärkte mit ihren jugendlichen Stimmen immer wieder die Konzerte. Als Horst Henke 1995 in den Ruhestand ging, begann die Ära des Kirchenmusikdirektors Hartmut Sturm. Der Wechsel zwischen klassischen und zeitgenössischen Werken der Chorliteratur wurde beibehalten bzw. ausgebaut. So wurden die Gegensätze zwischen Klassik und Gegenwart resp. Moderne in die einzelnen Konzertprogramme eingesetzt. Schon bald nach der Übernahme zeigte Hartmut Sturm, wie ernst es ihm damit war. Im Oktober 1996 gab es ein Konzert mit Werken von Schreker, Schönberg und Martin. Höhepunkt seiner Ära war sicherlich die Deutschsprachige Erstaufführung von Stanislaw Moniuszkos “Messe in E-Dur”, deren Partitur er in der Newberry Library in Chicago ausgrub. Damit aber war Hartmut Sturms Arbeit noch nicht getan. Auf der Basis dieser Partitur schrieb er alle Orgel-, Streicher- und Chorstimmen neu für die Aufführung im November 2011.

Seit 2012 nun leitet Hagen Enke den Oratorienchor. Wieder hat ein Theatermann die Leitung übernommen, denn Hagen Enke ist Direktor des Opernchores und des Extrachores des Theaters Bielefeld. Erste Höhepunkte seiner Arbeit waren die mit von Publikum und Presse mit viel Beifall und Lob bedachte Bielefelder Erstaufführung von Sergej Rachmaninows Sinfonischer Dichtung “Die Glocken”, die Aufführung von Händels “Messiah” (in englischer Sprache) und die “Carmina Burana”, die anlässlich des 125-jährigen Bestehens des Chores im Rahmen eines Festkonzertes im Oktober 2015, aufgeführt wurde. Großen Anklang fand auch die Wiederaufnahme früher viel praktizierter Aufführungen von A-cappella-Konzerten z.B. im Rahmen des Musikalischen Adventskalenders oder beim Deutschen Chorfest 2016 in Stuttgart.

Klicken Sie auf das Bild, um sich Auszüge aus der Festschrift “125 Jahre Oratorienchor der Stadt Bielefeld” anzusehen.

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